Altena/Klagenfurt. Autorin Lena Schätte aus Altena räumt gleich doppelt ab: Sie hat am Sonntag in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis und den Publikumspreis der 50. Tage der deutschsprachigen Literatur gewonnen.
Update, 28. Juni, 12:59 Uhr: Kurze Sprachnachricht von Lena Schätte: „Ich habe gerade fünf Minuten Zeit, es ist der absolute Wahnsinn – wie im Ameisenhaufen hier. Ich bin überwältigt, es ist wie ein Fiebertraum, ich glaub‘, ich werd‘ auch noch ein paar Tage brauchen, um das zu verdauen … ich freue mich sehr! Verrückt!“
Sichtlich bewegt zeigte sich die Autorin nach der Preisverleihung. Besonders wichtig sei ihr, dass das Thema ihres Textes nun so viel Aufmerksamkeit bekomme. „Es geht so viele Menschen an, die dadurch im Abseits stehen, unsichtbar sind, obwohl sie so sichtbar sind“, sagte Schätte. Auch die öffentliche Diskussion ihres Textes „Was wir tragen“ habe sie als große Bestätigung empfunden: „Ich habe mich bei der Diskussion gesehen gefühlt und ganz oft gedacht: Ja, das nehme ich.“
Schättes Text ist literarisch bedeutend
Die Laudatio für Lena Schätte hielt Juror Thomas Strässle, der sie für den Wettbewerb nominiert hatte. Er würdigte ihren Text als Literatur von außergewöhnlicher Kraft. „Der Text ist von existenzieller Wucht. Er ist wichtig und gewichtig, er ist literarisch bedeutend“, sagte Strässle. Schätte gelinge es, das Thema Ausgrenzung und Selbstbehauptung „in exemplarischen Szenen zu verdichten und dafür universelle Bilder zu finden“.
Besonders bewegte ihn das Ende der Erzählung, wenn ein Junge der Erzählerin im Speisesaal einen Kuss gibt und es anschließend schlicht heißt: „Dann sprechen wir nicht mehr darüber.“ Gerade diese zurückgenommene Erzählweise mache den Text so eindringlich. Strässle betonte, Schätte habe es „nie nötig, anklagend oder gar belehrend zu werden“, sondern vertraue ganz auf die Kraft der Literatur – „in einer Sprache, die in ihrer Schönheit und Schlichtheit unübertrefflich ist.“
„Liebe Lena, du hast es mehr als verdient“
Zum Abschluss seiner Laudatio richtete sich Strässle direkt an die Autorin: „Liebe Lena: abgeräumt! Du hast es mehr als verdient. Es ist wirklich ein toller Text. Ich freue mich über alle Maßen. Das ist nicht irgendein Ingeborg-Bachmann-Preis – es ist der Jubiläumspreis.“
Update, 28. Juni, 12:10 Uhr: Es ist ein Wahnsinns-Erfolg: Lena Schätte gewinnt bei den 50. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt erst den Publikumspreis und wenige Minuten später auch den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Nach der Verleihung braucht sie erstmal einen Moment: „Mein Herz pumpt. Es ist wie ein Fiebertraum“, so ihre ersten Worte der überwältigenden Freude.
Die Tage der deutschsprachigen Literatur mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, dotiert mit 30.000 Euro, zählen zu den renommiertesten Literaturwettbewerben im deutschsprachigen Raum. Im Mittelpunkt stehen bislang unveröffentlichte Texte, die von den eingeladenen Autorinnen und Autoren live vorgetragen werden. Im Anschluss diskutiert die Jury ihre Eindrücke öffentlich – ein Format, das den Wettbewerb seit Jahrzehnten prägt und ihn von klassischen Literaturpreisen unterscheidet. Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit für die Lesungen und die Auszeichnungen.
Publikumspreis führt zur Ernennung zur Festivalschreiberin
Mit dem Publikumspreis ist für Lena Schätte zudem seit 2025 die Ernennung zur Festivalschreiberin des Carinthischen Sommers verbunden. Dazu gehört ein Aufenthaltsstipendium während des Festivals im Wert von 3.000 Euro. Nachdem Lena Schättes Text „Was wir tragen“ bereits in der Jurydiskussion viel Lob erhalten hatte, wurde ihr Auftritt in Klagenfurt nun auch vom Publikum belohnt. Die Altenaerin freute sich sehr über die Auszeichnung, die sie am Sonntagmorgen (28. Juni) im ORF-Theater in Klagenfurt erhielt.

Große Freude bei Lena Schätte aus Altena als sie in Klagenfurt den Publikumspreis für ihren Text „Was wir tragen“ entgegennahem.
Ursprünglicher Beitrag vom 27. Juni:
Die Autorin Lena Schätte aus Altena hat beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt ihren neuen Text „Was wir tragen“ vorgestellt. Darin erzählt sie von zwei übergewichtigen Mädchen, die in der Schule ausgegrenzt werden und gerade deshalb eine enge Freundschaft entwickeln. Der Text zeigt ihre gemeinsame Abgrenzung ebenso wie familiäre Konflikte und die belastete Beziehung der Ich-Erzählerin zu ihrer Mutter. Bereits der Auftaktsatz setzt den Ton: „Wir finden zueinander, weil wir die dicksten Mädchen der Schule sind.“
„Existentielle Wucht“ – „Unglaubliche Erzählökonomie“
Die Jury lobte Schättes Beitrag: Thomas Strässle, der Schätte für den Wettbewerb eingeladen hatte, sprach von einer „existentiellen Wucht“ des Textes, ohne Anklage oder Weinerlichkeit. Mithu Sanyal lobte die „unglaubliche Erzählökonomie“ und die Spannung, die der Text konsequent aufbaue. Auch Laura de Weck hob die emotionale Kraft hervor und betonte die besondere Beziehung der beiden Mädchen, die zugleich Schutz und Zuneigung bedeute. Brigitte Schwens-Harrant überzeugte vor allem das konsequent durchgehaltene erzählerische „Wir“, das die Ausgrenzungserfahrung greifbar mache. Philipp Tingler bezeichnete den Text schlicht als „sehr gut“ und hob die Ambivalenz der Figuren hervor, die auch dunkle Seiten zeigten.
In der anschließenden Diskussion herrschte insgesamt große Einigkeit: Zwar sei die Grundkonstellation nicht völlig neu, doch Sprache, Verdichtung und emotionale Präzision überzeugten nahezu die gesamte Jury. Immer wieder wurde betont, wie Schätte ohne Pathos von Scham, Körperlichkeit und familiären Spannungen erzählt und dabei eine große literarische Intensität entfaltet.
Online abstimmen für den Publikumspreis
Neben der Jurywertung spielt beim Bachmann-Preis auch das Publikum eine wichtige Rolle: Der BKS-Bank-Publikumspreis wird direkt von den Zuschauerinnen und Zuschauern vergeben und ist mit 7.000 Euro dotiert. Zusätzlich ist mit dem Publikumspreis seit 2025 die Auszeichnung als Festivalschreiber bzw. Festivalschreiberin des Carinthischen Sommers verbunden, inklusive eines Aufenthaltsstipendiums während des Festivals im Wert von 3.000 Euro. Wer Lena Schätte unterstützen möchte, kann noch bis Samstag (27. Juni) 20.00 Uhr online für sie abstimmen.
Die Preisverleihung zum Ingeborg-Bachmann-Preis findet am Sonntag (28. Juni) um 11:00 Uhr statt. Der Wettbewerb der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ wird live im ORF-Theater in Klagenfurt ausgetragen, die Preisverleihung wird im 3sat-Kulturprogramm sowie auf der Bachmannpreis-ORF-Website übertragen.



