Nachrodt-Wiblingwerde. Shinrin Yoku zum Schnuppern: Bei einer kleinen Gruppe des SGV Nachrodt-Wiblingwerde ging es jetzt nicht ums Wandern, sondern ums bewusste Wahrnehmen. Eine Erfahrung, die überraschend tief gehen kann.
Shinrin Yoku wird in Deutschland zumeist mit Waldbaden übersetzt. Doch das Wort gefällt Alexandra Gödde eigentlich nicht besonders. Die Leiterin der Veranstaltung benutzt viel lieber die ursprüngliche Bezeichnung aus Japan: Shinrin Yoku, die für das bewusste Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes steht. „Warum muss man das überhaupt übersetzen?“, fragt sich Gödde. Schließlich übersetze man ja auch Tai Chi nicht. Und das Wort Waldbaden werde dem, was Shinrin Yoku biete, aus ihrer Sicht nicht gerecht.
Neun Frauen haben sich an diesem Samstagvormittag aufgemacht, um etwas Neues auszuprobieren: „Shinrin Yoku zum Schnuppern“, so hatte der SGV Nachrodt-Wiblingwerde die Veranstaltung genannt. Und schnell wird klar: Es geht hier nicht um einen Spaziergang und auch nicht darum, eine bestimmte Strecke zurückzulegen. Es geht darum, für eine Weile aus dem gewohnten Tempo auszusteigen und wahrzunehmen, was um einen herum und in einem selbst geschieht.

Alexandra Gödde leitete den Schnupperkurs Shinrin Yoku und zeichnete sich durch ihre ruhige Art und ihre Kompetenz aus. Foto: Ilka Kremer
Kursleiterin Alexandra Gödde macht es den Frauen mit ihrer ruhigen Art leicht, selbst etwas leiser und auch langsamer zu werden. Sie strahlt eine angenehme Ruhe aus, wirkt gleichzeitig sehr kompetent und gibt den Teilnehmerinnen genügend Raum, ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Nichts muss. Es gibt keine falschen Wahrnehmungen und schon gar keinen Zwang, irgendetwas besonders spirituell erleben zu müssen. Alexandra Gödde kam über ihre Ausbildung zur Kursleiterin Meditation zum Shinrin Yoku. 2018 absolvierte sie bei Annette Bernjus die Ausbildung zur Kursleiterin für „Waldbaden – Achtsamkeit im Wald“ und war damit die erste professionell ausgebildete Kursleitung im Märkischen Kreis. 2019 folgte die Zertifizierung zur Natur- und Landschaftsführerin, 2021 die zur Waldpädagogin. 2026 schloss sie zudem ihre Ausbildung zur Atem- und Nervensystemtrainerin ab.
Es geht nicht darum, viel zu erleben, sondern überhaupt wahrzunehmen
Unsere erste Aufgabe an diesem Samstagmorgen: schweigend und langsam durch den Wald gehen. Also gehen wir. Nicht nebeneinander plaudernd, nicht mit dem Blick auf das nächste Ziel gerichtet, sondern einfach Schritt für Schritt. Und plötzlich verändert sich etwas. Ich nehme ein einzelnes Blatt wahr, das sich von einem Baum gelöst hat. Es fällt nicht einfach zu Boden. Es schwebt, dreht sich, tänzelt geradezu durch die Luft. Ich bleibe mit meinem Blick daran hängen und bin für einen Moment ganz bei diesem Blatt. Mir fällt das Rauschen der Blätter auf. Aber es klingt nicht unheimlich, sondern eher wie ein kleines Konzert, das die ganze Zeit schon da war, das ich nur normalerweise nicht so höre. Andere Teilnehmerinnen entdecken kleine Tiere auf dem Weg, nehmen Pflanzen bewusster wahr und erzählen später von Geräuschen, die ihnen aufgefallen sind. Und genau darum geht es an diesem Vormittag: nicht möglichst viel zu erleben, sondern überhaupt wieder wahrzunehmen.

Der Ast links unten an der alten Eiche lud mich zum Verweilen ein – ein genussvoller Moment. Foto: Ilka Kremer
Bei den Übungen darf jede für sich entscheiden, wie weit sie gehen möchte. Auch beim nächsten Impuls gibt es keine Vorgabe im Sinne von: „Jetzt umarmt bitte einen Baum.“ Stattdessen geht es darum, Kontakt zu einem Baum aufzunehmen – ihn anzufassen, seine Rinde zu spüren oder einfach einmal zu schauen, was passiert. Ich gehe zu einer kleinen, alten Eiche. Sie ist nicht mehr ganz gesund. Oben in der Krone sind bereits zahlreiche abgestorbene Äste zu sehen. Und trotzdem hat dieser Baum etwas Kraftvolles. Ein kräftiger Ast wächst weit ausladend quer zur Seite. Ich lege Schultern und Kopf darauf ab, schließe die Augen – und dann lasse ich mich einfach fallen. Für einen Moment muss ich nichts leisten, nichts erklären, nichts festhalten. Ich ruhe auf diesem alten Ast und spüre plötzlich Geborgenheit. Und dann kommen mir die Tränen.
Vielleicht, weil dieser alte Baum trotz seiner eigenen Verletzlichkeit noch immer steht. Weil er nicht perfekt und nicht unversehrt ist und trotzdem Kraft ausstrahlt. Vielleicht erinnert er mich daran, dass Stärke und Verletzlichkeit durchaus zusammengehören können. Es ist jedenfalls ein sehr schöner Moment. Und einer, den ich vermutlich nicht erlebt hätte, wenn ich einfach nur durch den Wald spaziert wäre. Überhaupt ist das vielleicht die größte Überraschung dieses Vormittags: Der Wald hat sich nicht verändert. Ich habe ihn anders wahrgenommen.
Kreative Gestaltung aus dem Gefühl heraus
Und dann wird es kreativ. Alexandra Gödde teilt uns in drei Gruppen auf und gibt uns den Impuls, kreativ zu sein. Und zwar mit dem, was wir auf dem Waldboden finden. „Gestaltet gemeinsam etwas.“ Nichts darf abgerissen, herausgezogen oder beschädigt werden. Verwendet werden darf nur, was bereits am Boden liegt – Blätter, Äste, Steine, vielleicht eine Feder oder andere Dinge, die die Natur dort hinterlassen hat. „Was daraus entsteht, bleibt ganz euch überlassen.“ Ich bilde eine Gruppe mit zwei Frauen, die ich überhaupt nicht kenne. Trotzdem sind wir uns erstaunlich schnell einig. Wir entdecken einen Stapel alter Äste, die bereits auf dem Boden liegen. Vielleicht, vermuten wir, hat dort früher schon einmal jemand ein Tipi gebaut. „Komm, wir bauen auch eins“, ist die spontane Entscheidung.

Jede entdeckte etwas im Wald und in den Naturmaterialien. Wie zum Beispiel diese „Umarmung“ und ein „grimmiges Gesicht“. Foto: Ilka Kremer
Während wir die alten Äste aufeinanderlegen, unterhalten wir uns und entdecken immer neue kleine Besonderheiten im Holz. Ein Loch hier, ein kleiner Ast dort – plötzlich wird daraus in unserer Fantasie etwas ganz anderes. Wir erkennen ein Gesicht, entdecken eine Umarmung. Aus scheinbar unscheinbaren Dingen wird etwas, das nur deshalb entsteht, weil wir hinschauen und unseren Gedanken Raum schenken. Zum Schluss verzieren wir unser kleines Tipi noch mit grünen Blättern. Die große Hitze der vergangenen Tage hat bereits viele Blätter von den Bäumen fallen lassen. Sie liegen überall auf dem Waldboden und bilden einen erstaunlich grünen Teppich. Einige davon nehmen wir auf und hängen sie an die uralten, trockenen Äste. Unser Tipi bekommt dadurch noch einmal einen ganz eigenen Charakter.
Innehalten: Was kommt mir beim Betrachten in den Sinn?
Die beiden anderen Gruppen entscheiden sich jeweils dafür, ein Mandala zu legen. Aus losem Moos, Steinen, herabgefallenen Ästen und auch Federn, eine davon sogar schwarz. Dazu kommen Pilze, die sich an einem alten, bereits auf dem Waldboden liegenden Baumstamm gebildet haben. Eines der Mandalas entsteht mitten auf dem Weg. Und so sind wir alle gespannt, wie lange es dort wohl liegen bleiben wird, bevor der nächste Spaziergänger darüber hinweggeht.
Anschließend schauen wir uns die drei Arbeiten gemeinsam an. Doch auch dabei geht es nicht darum, schnell ein „Ach, wie schön!“ oder „Oh, toll!“ auszurufen. Alexandra Gödde bittet uns, die Werke einfach auf uns wirken zu lassen. Nicht zu bewerten, was schön oder weniger schön ist, sondern wahrzunehmen: Was entdecke ich? Was fällt mir auf? Was kommt mir beim Betrachten in den Sinn?

Ein Mandala aus Dingen, die auf dem Waldboden lagen. Foto: Ilka Kremer
Auch das ist eine ungewohnte Erfahrung. Denn normalerweise bewerten wir fast automatisch. Hier geht es für einen Moment aber um etwas anderes: einfach hinzusehen, ohne ein Urteil zu fällen. Und wieder merke ich, wie viel Ruhe in dieser kleinen Veränderung der eigenen Haltung liegen kann. Auch die anderen Teilnehmerinnen scheinen diese Erfahrung zu machen. Immer wieder erzählt jemand, was er gerade gesehen, gehört oder gespürt hat. Die Stimmung in der kleinen Gruppe ist ruhig und gelöst. Neun Frauen, die zum Schnuppern gekommen sind – und die am Ende sichtlich zufrieden mit ihrer kleinen Auszeit wirken.

Bewusst wahrnehmen: Auch von diesem Blick in den Himmel waren die Teilnehmerinnen angetan. Foto: Ilka Kremer

Sie genossen eine Auszeit im Wald und gingen nach dem Schnupperkurs Shinrin Yoku mit einem guten Gefühl nach Hause. Foto: Ilka Kremer
Mit einem guten Gefühl nach Hause
Auch ich gehe später mit einem guten Gefühl nach Hause. Nicht, weil plötzlich alle Probleme verschwunden wären. Sondern weil ich für eineinhalb Stunden etwas anderes erlebt habe: gemeinsame Langsamkeit, Stille und Aufmerksamkeit. Und ich nehme diese besondere Erfahrung mit nach Hause, dass der Wald sehr viel zu erzählen hat, wenn man ihm mal wirklich zuhört. Vielleicht ist Shinrin Yoku genau das: nicht im Wald baden, sondern für eine Weile in ihn eintauchen.
Der SGV Nachrodt-Wiblingwerde wird weitere Termine für Shinrin Yoku anbieten. Infos dazu werden auf der Website bekanntgegeben.



