Altena. Für manche im Dorf ist es ein wehmütiger Abschied von einer Kneipe, für Ruben Gerdes vor allem ein Glücksfall: Die alte Drahtrolle Up dem Hecking im Altenaer Ortsteil Evingsen gehört nämlich jetzt dem 45-Jährigen.
Ruben Gerdes hat das denkmalgeschützte Gebäude von Dirk Adolf Kayser und Hanno Heller gekauft – sie hatten es im Dezember 2025 bei Ebay Kleinanzeigen eingetellt. Gerdes will es nun behutsam zu einem Wohnhaus umbauen. „Ich wollte immer schon ein altes Haus besitzen. Und die Rolle ist genau mein Stil sowie ein starkes Stück Evingsen“, sagt er, der im Dorf aufgewachsen und nie weggezogen ist.
Dass er ausgerechnet die alte Drahtrolle gekauft hat, ist dagegen kein Zufall. Gerdes ist seit rund 30 Jahren aktives Mitglied im Heimatverein Evingsen und gehört derzeit als Beirat dem Vorstand an. Ihm liegt etwas daran, sich für sein Dorf einzusetzen – und ganz besonders für historische Gebäude. „Die haben einfach Charme. Die leben, die erzählen und man kann immer wieder etwas Neues entdecken“, beschreibt er seine Begeisterung.
Drahtrolle, Fingerhutsmühle, Kneipe und jetzt Wohnhaus
Die alte Drahtrolle Up dem Hecking ist dafür ein ganz besonderes Beispiel. Sie ist Bestandteil der Drahtrollenroute. Der massive Bruchsteinbau stammt aus dem 17. beziehungsweise 18. Jahrhundert und wurde von außen nie grundlegend verändert. Lediglich im Inneren wurde das Gebäude im Laufe der Zeit immer wieder an seine jeweilige Nutzung angepasst.
Industriell nutzte die Firma Kayser die Rolle zuletzt als Fingerhutmühle. Vor rund 25 Jahren wurde das Gebäude dann renoviert und im Inneren so gestaltet, dass der historische Charakter möglichst authentisch erhalten blieb. Maßgeblich beteiligt war dabei unter anderem Karsten Wolfewitz. Viele Details erzählen Geschichte: Der Eichenboden stammt beispielsweise aus einem Kloster, die Treppe ins Obergeschoss wurde einst in Frankreich ausgebaut und anschließend in der alten Rolle wieder eingebaut. Und überhaupt: „Hier sind wirklich viele Schätze zu finden“, sagt Gerdes.
Manch einer bezeichnet Rubens Vorhaben als egoistisch
Nun gibt es aber Stimmen, die seine Entscheidung in der Rolle zu wohnen, mit einem Augenzwinkern als ein wenig egoistisch bezeichnen. Denn sie mochten die kleine Kneipe im Springen, die besonders mit Julian Palla als Wirt an den Wochenenden zu einem Treffpunkt geworden war. Doch für Gerdes, der als Schlosser bei der Mark E fest im Sattel sitzt, war die Fortführung der Kneipe keine Option. „Das, was da rein kam, reicht einfach nicht, um davon zu leben“, sagt der 45-Jährige.
Sein zukünftiges Zuhause bietet ihm insgesamt rund 102 Quadratmeter, die sich auf die beiden Etagen verteilen. Im Erdgeschoss soll der bisherige Charakter weitgehend erhalten bleiben, der Raum aber wohnlicher werden. Geplant ist ein Wohn- und Esszimmer mit Kochbereich. Die alte Theke bleibt natürlich: „Besser geht es ja nicht“, freut sich Gerdes – nicht zuletzt mit Blick auf die Gäste, die er künftig gerne in seinem besonderen Zuhause empfangen möchte.

Ruben Gerdes zeigt Friedrich-Wilhelm Klinke, wie er das schräge Obergeschoß zu Schlaf- und Badezimmer umbauen wird. Foto: Ilka Kremer
Im Obergeschoss mit sehr schrägen Dachschrägen, wo sich während der gastronomischen Nutzung ein kleiner Festsaal befand, sollen Schlaf- und Badezimmer entstehen. Das Flair der alten Rolle soll bei den Umbaumaßnahmen selbstverständlich nicht verloren gehen. Sämtliche Veränderungen sind mit dem Denkmalschutz der Stadt Altena abgestimmt. Auch von dort wird Gerdes bei seinem Vorhaben unterstützt – unter anderem bei den energetischen Maßnahmen, die bei einem historischen Gebäude heute notwendig sind.
Der Evingser will seine Rolle für Interessierte ab und an öffnen
Und auch wenn die Kneipe verschwindet, soll die alte Drahtrolle weiterhin ein Ort bleiben, an dem Menschen zusammenkommen. Gerdes möchte beispielsweise am Tag des offenen Denkmals oder bei offenen Mühlentagen für Interessierte öffnen. Dafür ist er inzwischen auch der Deutschen Mühlenvereinigung beigetreten, um sich mit anderen Menschen auszutauschen, die sich für historische Mühlen und vergleichbare Gebäude engagieren.
Und eine ganz besondere Tradition bleibt ebenfalls bestehen: Beim Schützenfest des Schützenvereins Evingsen wird die Rolle weiterhin Station während der Festumzüge sein. Dort legt traditionell der König mit seinem Hofstaat eine Marschpause ein. An dieser Tradition möchte Gerdes ausdrücklich festhalten. Um die Bewirtung muss er sich dabei nicht kümmern – dafür ist wie gewohnt Zug 1 zuständig.
„Ich freue mich, meine Freunde in mein Zuhause einzuladen“
Am meisten freut sich Ruben Gerdes darauf, seine Freunde einzuladen, wenn alles fertig ist. Denn die unterstützen ihn tatkräftig bei seinem Vorhaben. Gemeinsam haben sie zum Beispiel am Samstag eine Art „Abrissparty“ veranstaltet – wobei dabei natürlich nichts am Gebäude abgerissen wurde. Vielmehr ging es darum, gemeinsam alles auszuräumen, was Gerdes künftig nicht mehr benötigt. Freunde packten mit an und halfen dabei, Platz für das neue Zuhause zu schaffen. Rund drei Monate hat Gerdes für den Umbau derzeit angepeilt. Er weiß allerdings selbst, dass sich ein solches Vorhaben bei einem historischen Gebäude jederzeit etwas ziehen kann.
Auch das alte Wasserrad soll gerettet werden
Besonders am Herzen liegt Gerdes zudem das alte Wasserrad, das sich rechts am Gebäude befindet und in einem desolaten Zustand ist. Das Wasserrad wurde jahrelang vernachlässigt und ist stark verwittert und von der Vegetation überwuchert. Das soll sich ändern. Das Wasserrad soll gereinigt, angehoben und wieder aufgehängt werden. Auch dabei wird das Denkmalamt eingebunden werden. Denkbar ist zudem eine Überdachung, damit das historische Stück künftig weniger der Witterung ausgesetzt ist. Gerdes möchte nämlich nicht nur ein altes Gebäude bewohnbar machen, sondern möglichst viele Zeugnisse der Geschichte bewahren. Für ihn ist die alte Drahtrolle deshalb weit mehr als die eigenen vier Wände. Sie ist ein Stück Evingser Geschichte – und genau das soll auch in Zukunft sichtbar und erlebbar bleiben.

Es soll aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden: Das alte Wasserrad an der alten Drahtrolle wird gereinigt, angehoben und wieder aufgehängt. Foto: Ilka Kremer
Ortsheimatpfleger Friedrich-Wilhelm Klinke, Vorsitzender des Heimatvereins Evingsen, begrüßt die Entwicklung ausdrücklich. Die Drahtrolle sei ein wichtiger Bestandteil der Geschichte Altenas. „Es ist toll, dass jetzt mit Ruben jemand da ist, der dafür Verständnis hat und der auch eine Leidenschaft dafür hat, das erhalten zu wollen“, sagt Klinke.
Und Gerdes selbst ist längst mittendrin in seinem neuen Kapitel. Sein aktuelles „Möbelhaus“, wie er es augenzwinkernd nennt, ist derzeit vor allem Ebay-Kleinanzeigen. Dort sucht er nach Stücken, die nicht nur seinen Geschmack treffen, sondern auch in die alte Rolle passen. Ein besonderes Schnäppchen hat er bereits gemacht: Ein Biedermeier-Sofa ersteigerte er für gerade einmal fünf Euro. Es soll restauriert, mit einem neuen Bezug versehen und anschließend seinen Platz im künftigen Wohnzimmer finden.



