Nachrodt-Wiblingwerde. In der Suchthilfe-Einrichtung Gut Sassenscheid ist etwas möglich, das nicht selbstverständlich ist: Bewohner können in Einzelfällen ihre Haustiere mit in die Therapieeinrichtung bringen.
Für einige Bewohnerinnen und Bewohner, die dauerhaft in der Einrichtung des Deutschen Ordens abstinent leben wollen, ist das ein entscheidender Faktor. Denn der Gedanke, Hund, Katze oder Kaninchen abgeben zu müssen, würde für manche bedeuten, die Therapie gar nicht erst antreten zu können. „Denn gerade für Menschen mit Suchtproblematik ist die Bindung zum eigenen Tier ein wichtiger Halt“, weiß Einrichtungsleiterin Jessica Sommer.

Dieser Knuffel namens Ramstein ist zusammen mit seinem Herrchen auf Gut Sassenscheid in Nachrodt-Wiblingwerde.
Aktuell leben zwei Hunde und eine Katze gemeinsam mit ihren Menschen auf Gut Sassenscheid. Einer dieser Hunde ist die kleine Hündin Lotte, die allerdings mit starken Allergien zu kämpfen hat und spezielles Futter benötigt, um gesund zu bleiben. Die dadurch entstehenden zusätzlichen Kosten stellen ihre Besitzerin vor große Herausforderungen. Deshalb hat Jessica Sommer bereits zum zweiten Mal einen Aufruf in den sozialen Netzwerken gestartet.
„Ursprünglich hoffte ich auf Hinweise zu Organisationen oder Hilfsangeboten, die Menschen in solchen Situationen unterstützen können – also dort helfen, wo Tierhaltung und soziale Notlage zusammentreffen“, erklärt Jessica Sommer im Gespräch mit LOKALSTIMME. Stattdessen sei jedch eine große Welle der Unterstützung entstanden: „Viele Menschen haben sich direkt gemeldet, weil sie die Situation nachvollziehen können und helfen möchten – mit Futterspenden oder Geld. Für diese Resonanz sind wir sehr dankbar.“

Hund Lotti hat leider Allergien und benötigt ein ganz besonderes Futter, um gesund zubleiben.
Tiere sind Teil des Therapiekonzepts
Die Idee, Tiere in die Therapie einzubeziehen, ist auf Gut Sassenscheid, das zum Deutschen Orden gehört und dort in das Qualitätsmanagement der Suchthilfe integriert ist, Teil des Konzepts. „Tiere wirken im Alltag stabilisierend, geben Struktur und ermöglichen eine Beziehung, die nicht bewertet oder überfordert“, verdeutlicht Sommer. So kümmern sich die Bewohner unter Anleitung um die hauseigenen Kaninchen Elli, Bino, Tomate und Barabonka sowie um die Ponys Tiffy, Charlie und Finchen.
Das Kaninchengehege unter dem Namen „Köttelhausen“ ist großzügig angelegt und unter Mithilfe der Bewohner gestaltet worden. Die kuscheligen Tiere haben hier ein regelrechtes Paradies, in das sich auch der Mensch gerne dazu gesellen kann. Deshalb steht im Gehege auch eine Sitzbank zum Verweilen: „Und wenn dann ein Kaninchen zum Bewohner kommt und sich streicheln lässt, bekommen sie ganz viel von den Tieren zurück“, verdeutlicht die Einrichtungsleiterin. Ebenso ist es bei den drei Ponys, den Therapiepferden auf Gut Sassenscheid. Gemeinsam mit einer Therapeutin unternehmen die Bewohner Ausflüge, führen die Ponys an den Zügeln zu Fuß über die Wiesen und fahren sogar mit dem Fahrrad neben ihnen her. „Das macht den Tieren und den Menschen sehr viel Spaß“, weiß Jessica Sommer. Doch es bewirkt noch viel mehr: In der regelmäßigen Arbeit mit den Ponys erlernen die Bewohner Selbstreflexion – eine Fähigkeit, die bei Suchtkranken oft nur wenig oder gar nicht ausgeprägt ist.

Die drei Therapiepferde kommen nur angelaufen, wenn sie zu demjenigen, der sie ruft, auch Vertrauen haben.
„Pferde sind unfassbar sensibel und spiegeln dem Menschen wider, wie man drauf ist“, erklärt die Sozialpädagogin und Pferdekennerin. Die Ponys agieren auf der Gefühlsebene, „da geht es nicht ums Reden und Diskutieren“. Es gehe vielmehr um Vertrauen und eine Beziehung, die sich darüber aufbaut.
Die Einrichtung arbeitet im Rahmen der Eingliederungshilfe nach SGB IX und bietet 29 Plätze für Frauen und Männer mit Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigkeit. Ein multiprofessionelles Team begleitet die Bewohnerinnen und Bewohner im Alltag, unterstützt bei Tagesstruktur, Arbeitstherapie und individueller Perspektiventwicklung. Diese Elemente sind wichtig für die Bewohner, die am Ende wieder in ein selbst bestimmtes Leben zurückkehren möchten.
Bei vielen von ihnen wurde im Elternhaus keine stabile Basis für ein verlässliches und wertschätzendes Leben gelegt. Stattdessen sind sie oft ohne ausreichende Fürsorge, Vertrauen, Wertschätzung und Verlässlichkeit aufgewachsen. „Umso wichtiger ist es, im geschützten Rahmen der Einrichtung neue Strukturen zu entwickeln und Erfahrungen zu machen, die Orientierung geben und Stabilität aufbauen können“,sagt Jessica Sommer.



