Menden. Abschied vom Alten Rathaus: Bis zum letzten Ausleihtag sind die Mendener eifrig dem Aufruf „Leiht uns leer!“ gefolgt. Büchereileiterin Veronika Czerwinski berichtet vom Umzug und den Plänen für den neuen Standort.
Seit einer Woche ist Veronika Czerwinski so etwas wie Chef-Logistikerin – eine Aufgabe, der wahrscheinlich nicht unbedingt in der Stellenbeschreibung stand, als sie 2002 zur Leiterin der Stadtbücherei in Menden befördert wurde. Doch nach dem letzten Ausleihtag am bisherigen Standort im Alten Rathaus gilt nun ihre volle Energie dem Umzug an den neuen Standort an der Unnaer Straße. Im Interview beschreibt sie, wie die Nutzerinnen und Nutzer der Bücherei auf den Aufruf „Leiht uns leer!“ reagiert haben und was nun bis zur Neueröffnung Ende April zu tun ist.
Einen Umzug zu organisieren, gehört nicht zu den Standardaufgaben einer Büchereileiterin. Wie gefällt Ihnen Ihr Job in diesen Tagen?
Veronika Czerwinski: Wunderbar. Wir stehen gerade vor einigen Herausforderungen. Bibliotheken haben sich ja unglaublich verändert. Ich kann mich noch erinnern, als ich 1987 bei der Stadt angefangen und den Umzug in dieses Alte Rathaus miterlebt habe. Das war damals auch eine ganz spannende Sache, weil zu der Zeit Bibliotheken noch Orte waren, wo die Leser nur Bücher ausgeliehen haben, und heute sind Bibliotheken eher Orte, wo man sich trifft und an Veranstaltungen teilnimmt. Wir hatten im letzten Jahr allein über 220 Veranstaltungen mit über 7000 Besuchern. Das ist, was Bibliotheken leisten. Sie bieten Leseförderung an. Sie haben Veranstaltungen, wo Wissen geteilt wird. Wir sind nicht mehr nur Bücherwürmer, sondern wir sind multifunktional. Natürlich bauen wir unseren Bestand auf, aber nicht nur mit Büchern. Wir haben ganz viele andere Medien. Wir sind auf Social Media aktiv, auf Instagram und Facebook zum Beispiel. Bibliotheken sind heutzutage viel vielseitiger.

Veronika Czerwinski, Leiterin der Stadtbücherei Menden, spricht im Interview über den laufenden Umzug. Foto: Monika Gruber
Weinen Sie dem alten System und diesem Standort hinterher oder sind Sie offen für das Neue, was nach dem Umzug kommt?
Absolut offen. Mein Team und ich, wir freuen uns ganz doll auf das neue Gebäude. Wir haben auch die Inneneinrichtung mit geplant, zusammen mit einem Innenarchitekten. Wir sind sehr froh, dass wir die Förderung des Landes NRW für die Einrichtung haben. Wir bekommen eine neue Technik in Selbstverbuchung und 40 Prozent mehr Öffnungszeiten, als wir jetzt hier anbieten können.
Wer hat die Entscheidung getroffen, dass die Bücherei hier raus muss und in ein neues Gebäude zieht?
Es ist eine Ratsentscheidung gewesen. Im Vorfeld wurde schon viel geplant, aber letzten Endes war es eine politische Entscheidung. Mein Team und ich haben natürlich darauf mit hingearbeitet. Wir wollen alle hier raus, auch wenn einige Leser oder Mendener sagen: „Oh, wie schrecklich. Diese Bücherei kann man sich woanders gar nicht vorstellen.“ Das ist aus meiner Sicht Unfug, denn das Leben besteht aus Veränderung. Am neuen Standort kann ich barrierefreien Zugang anbieten. Das haben wir hier nicht. Wer gut zu Fuß ist, kann auch im neuen Gebäude weiterhin die Treppe in die erste Etage rauf gehen, aber wer nicht gut zu Fuß ist, einen Kinderwagen, einen Rollator oder Rollstuhl hat, kann mit dem Aufzug bis auf die erste Etage fahren. Das ist doch wunderbar.
Wurden die Bürger auch befragt?
Es gab eine Bürgerbeteiligung. Wir haben im Vorfeld dieses Beschlusses ein Bibliothekskonzept entwickelt. Das war Anfang 2022. Es zieht sich also schon ziemlich lange hin.
Wie fällt denn das Meinungsbild zum Umzug unter den Nutzerinnen und Nutzern der Bücherei aus?
Unterschiedlich. Es gibt eine kleine Bubble, die es immer noch bekämpft, aber die meisten freuen sich. Letzte Woche kam eine Frau und brachte ein Blümchen und sagte: „Damit Sie auch während des ganzen Umzugschaos eine schöne Optik haben.“ Die Leser sind schon sehr mit der Bibliothek verbunden.
Wie ist das dann mit dem Café? Wird es auch wieder selbstgebackene Torten geben wie bisher?
Noch nicht. Die Torten gab es bis Ende 2024. Es wurde ehrenamtlich betreut vom Team des Hausfrauenbundes. Die Hausfrauen haben uns aber mitgeteilt, dass sie es nicht mehr schaffen werden, die neuen Öffnungszeiten zu bedienen. Zuletzt war das Café nur noch drei Tage die Woche geöffnet. Was der Hausfrauenbund geleistet hat, kann gar nicht genug geschätzt werden. Irgendwann schafft man das nicht mehr. Wenn ich im Ruhestand bin, möchte ich mich nicht regelmäßig für etwas verpflichten und das haben sie getan. Wir werden aber im neuen Gebäude wahrscheinlich eine Kooperation mit dem Bistro des neuen Bürgerhauses machen, dem Hönnetreff. Und das wird ein Inklusionsbetrieb. Unser Lesecafé wird dann eine Zweigstelle davon. Das ist eine richtig tolle Sache.
Im Vorfeld des Umzugs haben Sie die Nutzerinnen und Nutzer gebeten: „Leiht uns leer!” Wie gut wurde dieser Appell angenommen?
Sehr gut. Das Regal mit den Gesellschaftsspielen hinter Ihnen war voll und jetzt ist es leer. Sie sehen, wie viele leere Regalbretter hier überall sind. Eine Woche vor der Schließung habe ich mal in unsere Statistik geguckt. Über 40 Prozent war ausgeliehen. Der Herr, der gerade hier war, zum Beispiel, hat einen hohen Stapel von DVDs mitgenommen. Das ist wirklich toll. Die Leute decken sich ein.
Hat das Online-Lesen das Ausleihen von Büchern beeinflusst?
Unterschiedlich. Es gibt viele, die sowohl digital wie auch analog lesen, je nach Umständen. Früher habe ich zum Beispiel immer einen Stapel Bücher mit in den Urlaub genommen. Die waren schwer und heute habe ich nur das E- Book dabei. Das ist so viel bequemer.
Es wird aber nicht darauf hinauflaufen, dass man gar keine Bücher mehr hat, oder?
Nein. Nein. Wenn Sie sich mal die Buchhandlungen ansehen, dann sehen Sie, wie viele junge Leute auch heute noch analog lesen. Als ich vorletztes Jahr nach Norderney gefahren bin, saß ich auf der Fähre mit meinem E-Book-Reader, und meinem Handy. Neben mir saß eine junge Frau mit Handy und Büchern. Wer hatte es einfacher? Aber das zeigt ja, dass viele junge Menschen gerne noch analog lesen.
Wissen Sie schon, was mit den Räumlichkeiten passieren wird, die Sie im Alten Rathaus nun verlassen?
Es gibt eine Machbarkeitsstudie und es sollen bestimmte Nutzungsmöglichkeiten beschlossen werden. Der alte Ratssaal bleibt auf jeden Fall weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich, weil da auch Hochzeiten und andere Veranstaltungen wie der Verleih des Bundesverdienstkreuzes und so weiter stattfinden. Auch wenn wir hier ausgezogen sind, wird das Gebäude nicht zu Staub zerfallen.
Wann findet am neuen Standort die Eröffnung statt?
Mitte April. Oben haben wir einen großen Plan, auf dem steht, wann der Schreiner kommt, wann der Elektriker und andere Lieferanten. Das ist alles gut getaktet. Hoffen wir, dass das auch alles so funktioniert. (Interview: Martina Gruber)



