Altena. Dass sich die Trinitatis-Gemeinde von der Kirche im Mühlendorf in Altena verabschieden möchte, ist bekannt. Seit Dienstagabend steht nun auch der Verkehrswert von 800.000 Euro fest.
Diese Information nahmen rund 50 Frauen und Männer – vornehmlich Gemeindeglieder und Nachbarn – am Dienstagabend im Gemeindehaus der Kirche im Mühlendorf entgegen. Eingeladen hatte die Trinitatis-Gemeinde zum „Gesprächs- und Ideenaustausch bezüglich der „Abschiedsgebäude“. Zuvor hatte es in den vergangenen Tagen bereits derartige Versammlungen in Nachrodt und Wiblingwerde gegeben.
Die Stimmung im Mühlendorf blieb überwiegend ruhig und sachlich. Viele Teilnehmende begegneten dem Thema mit einem gewissen Verständnis, auch wenn es unterschiedliche Sichtweisen gab. Im Vergleich zu anderen Versammlungen – etwa in Wiblingwerde, wo ebenfalls der Verkauf von Kirche, Gemeindehaus und Nebengebäuden diskutiert wurde – verlief der Abend im Mühlendorf deutlich friedlicher. Der Frust war insgesamt weniger ausgeprägt, auch wenn er bei einigen Anwesenden spürbar blieb.
„Das Presbyterium hat sich die Entscheidungen nicht leicht gemacht“
Hintergrund der Diskussion ist die finanzielle Belastung, die die Unterhaltung der Immobilien für die evangelische Kirchengemeinde mit sich bringt. „Die Einnahmen aus der Kirchensteuer gehen zu hundert Prozent in die Gebäude, so können wir das Gemeindeleben nicht weiter gestalten“, verdeutlichte Kay Kürschner, im Presbyterium verantwortlich für Finanzen, die Lage. Die laufenden Kosten für Instandhaltung und Betrieb seien in den vergangenen Jahren zunehmend gestiegen und stellten die Gemeinde vor große Herausforderungen. „Das Presbyterium hat sich die Entscheidungen, sich von Gebäuden zu trennen, nicht leicht gemacht“, versicherte Kürschner.
Perspektivisch soll die zentrale Kirche der evangelischen Kirchengemeinde in die Innenstadt verlagert werden. Künftig werden die Lutherkirche sowie das zugehörige Lutherhaus als Gemeindehaus und Treffpunkt eine stärkere Rolle einnehmen. Das Presbyterium betonte in diesem Zusammenhang, dass der Fokus künftig stärker auf der inhaltlichen Gemeindearbeit liegen soll. Ziel sei es, finanzielle Mittel verstärkt in die Menschen und Angebote der Gemeinde zu investieren – und weniger in Gebäude, deren Unterhaltung zunehmend als nicht mehr tragbar eingeschätzt wird.
Einige Interessenten haben sich bereits gemeldet
Die Trinitatis-Gemeinde hat einen Architekten beauftragt, Wertgutachten für die „Abschiedsgebäude“ zu erstellen. Unter Einbeziehung eines Begehungsprotokolls aus dem Jahr 2023, das Kürschner während der Versammlung an die Wand projizierte, berechnete der Fachmann für die Liegenschaften im Mühlendorf (Kirche, Gemeindehaus, Parkplatz sowie weiteren zugehörigen Flächen) eben besagte 800.000 Euro. Dieser Betrag diene nun als Orientierung für die Interessenten, von denen es durchaus bereits einige gebe. „Aber das war vor der Bekanntgabe des Verkaufspreises“, so Kürschner. Noch offen ist, unter welchen Rahmenbedingungen ein Verkauf erfolgen könnte. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Landeskirche, insbesondere in der Frage, ob der Verkauf auf Basis eines Erbpachtvertrages erfolgt oder nicht. Das Presbyterium jedenfalls möchte eine vollständige Trennung von den Immobilien und den Grundstücken.
Rund 70 Trauerfeiern pro Jahr in der Kirche
Ein zentrales Thema der Diskussion waren Trauerfeiern, die in der Kirche im Mühlendorf stattfinden. Und zwar um die 70 pro Jahr, wie Björn Uhr, Inhaber Bestattungshaus Draheim, berichtete. Er fragte nach der Bedeutung dieser Erlöse für die Gemeinde. Die Nutzungsgebühr der Kirche für eine Trauerfeier beträgt 290 Euro pro Feier. Hinzu kommen die Einnahmen für die Vermietung des Gemeindehauses an die Stadt Altena für die Offene Ganztagsschule (OGS). Kürschner verdeutlichte, dass diese Einnahmen zum einen nicht zukunftssicher seien, weil die OGS in naher Zukunft als Mieterin entfallen könnte, und weil die Beerdigungskultur im Wandel sei: Andere Bestattungsformen wie im Trostwald oder auf hoher See seien für viele Menschen attraktiver als der klassische Friedhof. Zum anderen würden diese beiden Einnahmequellen aber zur Deckung der laufenden Kosten auch nicht ausreichten.
Grundsätzlich könnten Trauerfeiern künftig auch in der Lutherkirche stattfinden, während die Beisetzungen weiterhin auf den Friedhöfen erfolgen. Diese Perspektive stieß jedoch bei vielen Anwesenden auf Kritik. Insbesondere der lange Weg zwischen Innenstadt und Friedhof wurde als problematisch angesehen. Auch praktische Aspekte wurden genannt: An Markttagen sei die Verkehrssituation in der Innenstadt angespannt, was zusätzliche Herausforderungen für die Trauergäste mit sich bringen könnte.
„Die Situation ist wirklich schlimm“
Das Presbyterium unterstrich die finanziellen Zwänge zusätzlich mit diesen Infos: Es gebe zwar noch Rücklagen aus den vergangenen Jahren, diese seien jedoch endlich, betonte Kay Kürschner. Die Situation sei insgesamt „wirklich schlimm“ und habe verschiedene Ursachen, werde aber zu einem großen Teil durch die hohen Kosten der Gebäude bestimmt. „Wir brauchen finanzielle Spielräume, finanzielle Luft, um das Gemeindeleben aufrecht zu erhalten“, sagte er. Denn dieses habe für die Kirchengemeinde Vorrang vor dem Erhalt der Gebäude.
Zur finanziellen Lage nannte Kürschner weitere Zahlen: „Die Finanzanlagen der Gemeinde belaufen sich in diesem Jahr noch auf knapp 4,5 Millionen Euro.“ Tatsächlich frei verfügbar seien davon jedoch lediglich rund 562.000 Euro – entsprechend den Vorgaben der Landeskirche. Für das Jahr 2027 werde nur noch ein verfügbarer Betrag von etwa 278.000 Euro erwartet, und für 2028 werde nach seinen Angaben bereits ein Negativbetrag ausgewiesen.

Die Stimmung im Saal des Gemeindehauses im Mühlendorf war eher von Resignation geprägt. Foto: Ilka Kremer
Zu Wort meldete sich Andreas Opitz, Immobilienmakler und Mühlendorfer, der mit entsprechendem Hintergrundwissen kritische Nachfragen stellte. Er wollte unter anderem wissen, warum nicht bereits früher versucht worden sei, die Einnahmesituation zu verbessern und alternative Nutzungskonzepte zu entwickeln. Schließlich kämen auf einen möglichen Käufer erhebliche Investitionen zu, um Kirche und Gemeindehaus anderweitig nutzen zu können. Aus seiner Erfahrung verwies er auf den Verkauf der katholischen Kirche im Mühlendorf vor einigen Jahren. Dort hätten zahlreiche Auflagen erfüllt werden müssen, die mit erheblichen Kosten verbunden gewesen seien. Ähnliche Herausforderungen seien auch im aktuellen Fall zu erwarten.
Ziel: Neuer Besitzer soll Trauerfeiern weiterhin ermöglichen
Kay Kürschner nahm diese Einwände zur Kenntnis und betonte, dass das Presbyterium bei potenziellen Interessenten sehr genau hinschauen werde, wie Kirche und Gemeindehaus künftig genutzt werden sollen. Nicht jeder Bewerber werde automatisch berücksichtigt. Ziel sei es vielmehr, darauf hinzuwirken, dass auch unter einem neuen Besitzer weiterhin Trauerfeiern in der Kirche oder gegebenenfalls im Gemeindehaus möglich bleiben. „Darum möchten wir doch sehr bitten“, ertönte eine Frauenstimme aus dem Publikum. Kürschner sowie Pfarrerin Gudrun Vogel signalisierten deutlich, dass dieser Aspekt bei allen Entscheidungen eine wichtige Rolle spielen werde.

Gudrun Vogel (Mitte) signalisierte ebenso wie Kay Kürschner, dass dem Presbyterium eine weitere Nutzung der Kirche für Trauerfeiern sehr am Herzen liege. Foto: Ilka Kremer
Vogel sorgte in diesem Zusammenhang mit einer kurzen, augenzwinkernden Bemerkung für einen auflockernden Moment. Im Hinblick auf eine potenzielle Neunutzung der Kirche sagte sie schmunzelnd: „Eine Disco wäre aber auch nicht das Schlechteste“. Das sorgte für etwas Heiterkeit im Raum, in dem ansonsten mehr Resignation herrschte. Ein Zuhörer fragte, ob noch die Möglichkeit bestehe, die Entscheidungen des Presbyteriums zu revidieren. Kürschner antwortete mit einem klaren Nein. „Ja, es ist ja sowieso alles schon entschieden“ und man könne ohnehin nichts mehr ändern, meinte eine Zuhörerin. Für sie und manch anderen stellte sich die die Frage, warum die Gemeinde überhaupt noch zur öffentlichen Diskussion eingeladen hätte.
Mit der Bestimmung der sogenannten Abschiedsgebäude sei eine Übergangsphase eingeleitet, die sich über zwei Jahre erstrecken werde, erläuterte Kürschner. In diesem Zeitraum solle ein neuer Eigentümer gefunden werden, ebenso wie eine tragfähige künftige Nutzung, mit der die Gemeinde und mögliche Käufer gut leben können. „Wir hoffen auf konstruktive Kooperationspartner und interessierte Käufer, die sich verantwortungsvoll mit den Gebäuden auseinandersetzen.“ Und er lud abschließend alle zur „Zukunftswerkstatt“ ein, die sich am 5. September im Lutherhaus trifft, um das zukünftige Gemeindeleben zu gestalten.



