Altena. Für sie selbst war es eine besondere Lesung – aber auch für die knapp 50 Gäste in der Burg Holtzbrinck. Die Altenaer Autorin Lena Schätte nahm das Publikum mit auf einen Streifzug durch ihren aktuellen, autofiktionalen Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“.
Besonders war die Lesung für Lena Schätte am Samstagabend nicht nur, weil es bereits ihre 40. war und diesmal Familie, Freunde sowie weitere bekannte Gesichter im Publikum saßen. Sondern auch, weil sie an diesen Ort zurückkehrte: „In diesem Raum habe ich zum ersten Mal einen Text von mir vorgetragen. Hier hat sozusagen alles angefangen“, erzählte die Autorin im Georg-von-Holtzbrinck-Saal. Das war vor mehr als zehn Jahren bei einem Poetry Slam, der – ebenso wie die Lesung am Samstag – vom Kulturring Altena veranstaltet wurde.
Schätte begann ihre Lesung mit einer knappen Inhaltsangabe ihres Romans: Es geht um Motte, ein Mädchen, das mit einem trinkenden, widersprüchlichen Vater in einfachen Verhältnissen aufwächst. Zwischen Nähe, Distanz und Alkohol prägt die Familie ihr Leben früh, und Motte rutscht selbst in die Abhängigkeit. Als bei ihrem Vater Krebs im Endstadium diagnostiziert wird, versucht sie, Abschied zu nehmen – von ihm und vom Alkohol. Auf drei Ebenen hat Schätte ihren Roman aufgebaut: dem Hier und Jetzt der Protagonistin Motte, ihrer Kindheit und der Vorgeschichte des Vaters.
Eine offene und humorvolle Persönlichkeit
„Es kann ein intensives Thema sein“, wies Schätte zu Beginn die Zuhörerinnen und Zuhörer auf mögliche Emotionen hin. Aber: „Gemeinsam schaffen wir das. Stellen Sie beide Füße fest auf den Boden und ergreifen Sie im Notfall die Hand Ihres Sitznachbarn“, riet die ehemalige Psychiatriekrankenschwester den Gästen mit einem Augenzwinkern. Denn Lena Schätte setzt sich in ihrem Buch zwar mit einem ernsten, düsteren und am liebsten Tabu-Thema auseinander, bewies aber an diesem Abend, dass sie eine sehr offene und humorvolle Persönlichkeit ist.

Gebannt und bewegt hörten die knapp 50 Gäste in der Burg Holtzbrinck der Autorin Lena Schätte zu. Foto: Ilka Kremer
Die Autorin las klar und ruhig, fast schon mit leichter Monotonie. Sie ließ Pausen zu und gab den Worten Raum zu wirken. Nur äußerst selten setzte sie gezielte Betonungen oder Mimik ein. Auf diese Weise konnten sich die Emotionen im Raum und bei jedem Zuhörenden frei entfalten. Für die Lesung wählte sie verschiedene, aufeinanderfolgende Szenen aus dem Anfang und aus der Mitte des Buches. So erhielten die Gäste bereits tiefe Einblicke in Motte, ihren Vater und die Familie, während gleichzeitig die Neugier geweckt wurde, den Roman selbst zu entdecken. Zwischendurch erinnerte Schätte das Publikum daran, die zuvor verteilten Bierdeckel zu nutzen, um darauf Fragen an sie zu notieren.
„Ich bin froh, dass Merz nicht in meinem Dorf wohnt“
Außerdem hatte sie noch ein literarisches Schmankerl mitgebracht: Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung hat sie eine Hommage an das Sauerland geschrieben. Herausgekommen ist dabei kein Werbetext, sondern eine feinhumorige und zugleich sozialkritische Beschreibung ihrer Heimat mit der Überschrift „Willkommen in Merz Country“. Darin bezieht die junge Frau deutlich Stellung und merkt auch an, froh zu sein, dass Bundeskanzler Merz nicht in ihrem Dorf wohnt.
Nach der Lesung ging die Autorin durch die Reihen und sammelte die beschriebenen Bierdeckel ein. Darauf fanden sich Fragen wie: Hast du Tagebuch geschrieben? Bekommst du positive und auch negative Reaktionen auf deinen Roman? Kannst du mittlerweile von der Schriftstellerei leben? Letztere beantwortete Schätte, die seit dem vergangenen Sommer hauptberuflich Schriftstellerin ist, mit einem klaren Ja. Sie berichtete zudem, dass ihr Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ inzwischen in sieben Sprachen übersetzt werde.

Lena Schätte sammelte die Bierdeckel ein, auf denen das Publikum Fragen an die Autorin geschrieben hatte. Foto: Ilka Kremer
Positive Reaktionen gebe es viele, erzählte Schätte. Besonders nach den Lesungen in ganz Deutschland und in der Schweiz sei sie mit zahlreichen Menschen ins Gespräch gekommen. Einige hätten ihr von ihren eigenen Erfahrungen mit Alkoholsucht berichtet. Als negativ empfinde sie hingegen Äußerungen von Menschen, die den Konsum von Alkohol verharmlosten – etwa nach dem Motto: „Ach, so ein Feierabendbierchen hat noch keinem geschadet.“
Neues Buch, Fanpost, Liebesbriefe?
Natürlich wurde auch gefragt, ob bereits ein neues Buch in Arbeit sei. Auch hier antwortete Schätte mit einem klaren Ja. „Das wird nächstes Jahr erscheinen“, berichtete sie, wollte aber noch nicht mehr verraten. „Wenn ich vom Inhalt erzählen würde und jemand guckt daraufhin komisch oder zuckt vielleicht, würde mich das in eine tiefe Krise stürzen – und das will doch niemand“, scherzte die Autorin. Was sie dem Publikum jedoch noch verriet, war die Antwort auf die Frage nach Fanpost oder Liebesbriefen. „Ja, das kommt schon mal vor“, sagte die Autorin und erzählte mit ihrem sympathischen Lachen von einer Frau, die ihr nach einer Lesung ein Foto ihrer Katze geschenkt habe, weil deren Anblick sie immer glücklich mache. „Und da ich ja wohl sehr traurig wäre, würde sie mir dieses Foto schenken“, zitierte Schätte die Frau.
Literaturpreis, Longlist, Förderpreis
Lena Schätte kann inzwischen auf eine beachtliche literarische Laufbahn zurückblicken: Sie debütierte bereits 2014 mit dem Roman „Ruhrpottliebe“ im Marlon Verlag, bevor sie später am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierte und mehrere Jahre als Psychiatriekrankenschwester arbeitete – Erfahrungen, die ihr Schreiben bis heute prägen. Für einen Ausschnitt ihres aktuellen Romans, den Prosatext „Schnapstage“, wurde sie mit dem renommierten W.-G.-Sebald-Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr neuestes Werk „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ steht 2025 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und hat ihr darüber hinaus weitere Anerkennung eingebracht, unter anderem den Förderpreis für Literatur des Landes Nordrhein-Westfalen.



