Altena. Es ist ein unfassbar brutales Verbrechen: Am 2. Juni 1997 wird die Leiche einer jungen Frau in Altena gefunden. Sie ist erst von ihrem Vater missbraucht und dann ermordet worden. Der Täter ist auch nach 25 Jahren unbekannt. Und auch die Identität des Opfers ist ungeklärt. Der Fundort gibt dem Opfer den Namen: die Bergfeld-Leiche.

Der Fall gilt in Ermittlerkreisen bis heute als außergewöhnlich. „Ich kenne keinen vergleichbaren Fall – zum Glück“, sagte stets Kriminalkommissar Ulrich Kayser, Leiter des Kriminalkommissariats 11 am Polizeipräsidium Hagen, wenn er auf den Mord angesprochen wurde. Mittlerweile ist der Ermittler im Ruhestand – den Fall der „Bergfeld-Leiche“ hat er in seiner Dienstzeit nicht lösen können.


Alles begann am 2. Juni 1997, einem Montag. Ein warmen Frühsommertag. Gegen 19.30 Uhr macht ein junger Motorradfahrer aus der Rahmede, der mit einer geländegängigen Maschine im Wald unterwegs ist, ein grausige Entdeckung: An einem Waldweg am Bergfeld liegt eine Frauenleiche. Unbekleidet. Das linke Bein leicht abgewinkelt; es steht unnatürlich vom Körper ab. Der Oberkörper ist stark verbrannt, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit. Der erschrockene Motorradfahrer verständigt die Polizei.

Polizei, Kriminalpolizei, Spurensicherung: Die Ermittlungen beginnen am Fundort der Leiche; später, bei Einbruch der Dunkelheit, soll die Feuerwehr die Örtlichkeit ausleuchten.

Opfer lebt noch, als es verbrannt wird

Was die Spurensicherung ergibt, ist nicht viel – wirft aber ein Bild auf die Brutalität des Mörders. Die junge Frau, mutmaßlich im Alter von 16 bis 25 Jahren und mit 1,55 Meter Körpergröße von eher kleiner Statur, ist von ihrem Vater vergewaltigt worden. Das ergibt sich aus DNA-Spuren, die bei der Obduktion an der Toten noch gefunden werden. Dass der Geschlechtsverkehr nicht einvernehmlich war, leitet die Polizei daraus ab, dass sich unter den Fingernägeln des Opfers noch Hautfetzen des Vaters finden. „Das ist typisch für ein Abwehrverhalten des Opfers“, erläuterte Kriminalkommissar Ulrich Kayser.

Bevor der Körper der Frau mit Benzin übergossen und angezündet wird, würgt der Täter das Opfer. Die junge Frau atmet aber noch, als ihr Körper in Flammen aufgeht: Bei der Obduktion werden Spuren in der Lunge festgestellt, die belegen, dass sie noch Rauch eingeatmet hat.

Der Wald am Bergfeld, dem Fundort der Leiche, hat sich seitdem stark verändert. Foto: Carsten Menzel
Der Wald am Bergfeld, dem Fundort der Leiche, hat sich seitdem stark verändert. Foto: Carsten Menzel

Zeugen, die vielleicht einen Feuerschein oder den Rauch gesehen haben könnten, finden sich nicht. Dafür war der Tatort wohl auch zu abgelegen. Zumal vor 25 Jahren der Wald viel dichter war: Orkantief Kyrill und der Borkenkäfer hatten den Baumbestand am Bergfeld noch nicht auf den heutigen Stand dezimiert.

Vom eigenen Vater missbraucht. Und dann ermordet. Das sind bis heute die einzigen Erkenntnisse, die es gibt. Wer das Opfer und wer der Vater sind, bleibt ungeklärt. Denn der Abgleich der Täter-DNA in der Datenbank der Ermittler ergibt keinen Treffer. Und: „Es gab und gibt keine passende Vermisstenanzeige zu der jungen Frau“, schilderte Ulrich Kayser noch vor fünf Jahren das Dilemma der Polizei. Was den erfahrenen Ermittler bis zuletzt ratlos zurück lässt: „Eine Mutter muss doch ihre Tochter vermissen!“

Der Abzweig zum Bergfeld liegt an der viel befahrenen L 694 (Hemecker Weg). Die Strecke führt aus dem Rahmedetal hinauf zur Autobahnanschlussstelle Lüdenscheid. Foto: Carsten Menzel
Der Abzweig zum Bergfeld liegt an der viel befahrenen L 694 (Hemecker Weg). Die Strecke führt aus dem Rahmedetal hinauf zur Autobahnanschlussstelle Lüdenscheid. Foto: Carsten Menzel

Ein möglicher Ermittlungsansatz führt nicht weiter: In Altena ist gerade das Schützenfest  1997 mit der üblichen Kirmes und ihren vielen Fahrgeschäften am Langen Kamp zu Ende gegangen – die junge Frau und ihr Mörder könnten zum weiteren Umfeld der Schausteller gehören. Alle Nachforschungen der Polizei in dieser Richtung bleiben ergebnislos. Die Ermittler vermuten indes weiter, dass der Täter ohne große Ortskenntnis, möglicherweise auf dem Weg aus der Rahmede über Rosmart zur Autobahn, war und nur zufällig zum Bergfeld abgebogen ist.

Die Ermittler schöpfen alle seinerzeit zur Verfügung stehenden Möglichkeiten aus. Ein Polizist reist 1998, mit dem Kopf des Opfers im Gepäck, nach Schottland. An der Universität Glasgow geben Experten mittels einer damals neuen Computertechnologie der jungen Frau wieder ein Gesicht: Damit gibt es Bilder, wie sie mutmaßlich ausgesehen haben könnte. Diese Bilder werden auch im Fernsehen gezeigt: Die bekannte ZDF-Reihe „Aktenzeichen xy … ungelöst“ und auch die Sendung „Ungeklärte Morde“ bei RTL 2 zeigen die Bilder der Gesichtsrekonstruktion und schildern den Fall – ohne Ergebnis.

Auch die Tatsache, dass die junge Frau einen zur damaligen Zeit eher ungewöhnlichen und auffälligen Schmuck getragen haben dürfte, hilft bei der Aufklärung des Falls nicht weiter: Das Opfer trug auf einem der Schneidezähne einen Schmuckstein – einen so genannten Strassstein. Aber auch dieser Umstand kann die Identität der Toten in der Öffentlichkeitsfahndung nicht klären.

Hoffnung auf Aufklärung bleibt unerfüllt

Fünf Aktenordner mit Seiten zumeist noch mit Schreibmaschine getippt füllen die Unterlagen zur „Bergfeld-Leiche“ im Polizeipräsidium Hagen. „Jeder Auszubildender, jeder Referendar im Polizeipräsidium bekommt die Unterlagen zu lesen – weil es ein so ungewöhnlicher Fall ist“, erklärte Kriminalkommissar Ulrich Kayser zu seinen Dienstzeiten.

„Irgendwo muss es doch eine Familie geben, die ihre Tochter vermisst. Und Menschen mit einem Gewissen…“, hatte der Kriminalist Kayser gehofft, den Fall aufklären zu können. Die Hoffnung blieb unerfüllt und das brutale Verbrechen an einer jungen Frau bis heute, 25 Jahre später, ungeklärt, und damit auch die Identität des Opfers. Nur der Fundort der Leiche gibt der Toten seither einen Namen: die Bergfeld-Leiche.

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