Altena. Die Zerstörungen, die die Überschwemmungen in Altena angerichtet haben, werden jetzt nach und nach sichtbar. Ganze Hausstände, die in den gefluteten Wohnungen untergegangen und verdreckt sind, stehen am Straßenrand und sind nur noch ein Fall für den Müll. Die Stadt hat dazu am Freitag (16. Juli)  ein provisorisches Zwischenmülllager in Evingsen eingerichtet. Das Frei- und Hallenbad in Dahle hat einen Totalschaden erlitten. Feuerwehr, THW, Rotes Kreuz und auch die Bürgerinnen und Bürger selber packen weiter unermüdlich beim Aufräumen an — die Solidarität ist unfassbar groß.

Die vielleicht beste Nachricht in diesen Tagen kommt von den Wetterdiensten: Sie kündigen bis einschließlich Montag keinen weiteren, nennenswerten Regen an. Stattdessen soll es heiter bis wolkig werden, bis zu 25 Grad warm. Und auch vom Ruhrverband kommen beruhigende Informationen: Aus der Biggetalsperre wird zwar Wasser abgelassen, um neuen Stauraum zu schaffen. „Aber der Lennepegel wird nicht wieder auf Hochwasserniveau steigen”, sagt Britta Balt, Sprecherin des Wasserwirtschaftsverbands, der die Talsperren im Sauerland betreibt. Der Wasserstand werde weiter sinken — wenn auch nur träge. Immerhin: Die Lenneuferstraße ist seit Freitagnachmittag frei von Wasser und Schlamm und kann befahren werden.

Derweil gehen die Aufräumarbeiten weiter: auf den Straßen, in den Häusern, in den Firmen und im Freibad Dahle.

Aufräumen bis es dunkel wird

Am Markaner, in der Lennestraße und vor allem in der Nette stapeln sich am Straßenrand ganze Hausstände. Was bis Mittwochnacht noch eine gemütliche Couchlandschaft im Wohnzimmer oder eine praktische Kücheneinrichtung war, ist jetzt nur noch ein Fall für die Müllabfuhr. In der Nette läuft das gemeinsame Aufräumen am Freitag bis in den Abend. Ein Bagger greift das, was die Menschen an den Straßenrand gestellt haben, mit der Schaufel und packt es auf die Ladefläche eines orangen Lastwagens; der nächste Transporter rollt wenige Minuten später an.

Abgekippt zur Zwischenlagerung wird der Müll auf dem Schützenplatz in Evingsen. Schränke, Sessel, Polsterstühle, Teppiche, Fahrrad, Ventilator und Nähmaschine: Der Berg aus zerstörten Einrichtungsgegenständen und kaputten Elektrogeräten wird breiter und breiter. Ein trauriges Bild.

„Die Nette hält zusammen”

Dem Leid, das den Betroffenen widerfahren ist, steht die ungeahnte Solidarität gegenüber: „Die Nette hält zusammen! Jeder hat heute mit angepackt, jeder hat jedem geholfen”, sagt Robin Kirchhoff. Der junge Mann wohnt mit seiner Frau Klaudia in der Grabenstraße. Das Paar kommt gerade aus dem Urlaub zurück am Mittwoch — und kann ins frisch renovierte Eigenheim, ein mehr als 300 Jahre altes Häuschen in der kleinen Nebenstraße der Nette, nicht zurück: Die Fluten sind von der Nette aus in die Grabenstraße gerauscht und weil die Straße zur unteren Einfahrt hin ansteigt, entsteht ein Badewanneneffekt: Die Straße läuft voll; das Wasser dringt in die Häuser ein — durch die Türen, durch die Fenster im Erdgeschoss. Ein Alptraum.

Kaum ein Haus rund ums Kino, das nicht betroffen ist. Aber die Menschen helfen sich gegenseitig. „Wir haben der Reihe nach in den Häusern ausgeräumt”, erzählt Robin Kirchhoff. Das junge Paar gehört dabei zu den wenigen Glücklichen: Sie haben eine Versicherung gegen Elementarschäden. „Ich habe noch mit Robin geschimpft: ‚Warum hast Du Dir diese Versicherung aufschwatzen lassen?’ ”, erzählt Klaudia Kirchhoff. Jetzt hat sich der Vertrag ausgezahlt. Aber auch die Kirchhoffs fragen sich: War das jetzt ein Jahrhundertereignis, oder tritt sowas womöglich häufiger ein?

Hochwasserbarriere für die Grabenstraße?

Ein Nachbar jedenfalls fordert für die Grabenstraße an der oberen Einfahrt eine Hochwasserbarriere wie sie die Stadt für die Durchgänge zwischen Lenneufer- und Lennestraße längst hat. „Mit einem solchen Schutz wäre das Ausmaß der Schäden für die Anwohner der Grabenstraße bei weitem nicht so schlimm geworden”, ist er sich sicher.

Besorgt blickt Beatrix Claas in Dahle auf das Frei- und Hallenbad — und schaut auf Schlamm und Geröll — und schmutzig braunes Wasser im Becken. Im Foyer hat sie im Wasser der Überschwemmung das Mobiliar schwimmen sehen — „Das ist erst vor zwei Jahren neu angeschafft worden”, sagt Beatrix Claas, die zum Förderverein gehört, der sich für das Bad einsetzt.

Gesamte Badtechnik ist abgesoffen

„Ich gehe nicht davon aus, dass wir dieses Jahr noch wieder öffnen können”, ist die erste Einschätzung von Bäderchef Hendrik Voß; er spricht von einem „Totalschaden”. Der Keller mit der gesamten Badtechnik „ist bis zur Decke vollgelaufen”. „Da muss alles erneuert werden”, befürchtet Voß. Das Wasser hat die Feuerwehr aus dem Kreis Höxter inzwischen abgepumpt; jetzt muss der Schlamm und das Geröll vom Außengelände weg. Was noch völlig unklar ist: Wie sieht das Becken aus? Das schmutzige Wasser lässt keine Einblicke zu. Wie hoch liegen Steine, Geröll und Schlamm? „Die Beckenwanne selbst ist aus Edelstahl. Ich hoffe, sie ist nicht verbeult”, gibt sich der Bäderchef vorsichtig optimistisch.

Direkt gegenüber vom Freibad haben die Wassermassen eine tiefe Furche in den Hang hinunter zur Schützenhalle gespült; Leitungen liegen offen. Die Schützenhalle selbst ist aber trocken geblieben.

Geröll aus der Brachtenbecke unterhalb der Claas-Kurve abgekippt

Bis in die Nacht hinein ist auch an der Brachtenbecke und der B236/Hagener Straße gearbeitet worden. Das Technische Hilfswerk (THW) aus Altena hat mit Unterstützung vom THW Paderborn und Lünen und mit schwerem Gerät aufgeräumt. Der Krater im Brachtenbecker Weg ist aufgefüllt: „Mit Bigpacks, die mit Sand gefüllt sind”, schildert THW-Chef Frank Herbel. Geröll und Schutt sind mit einem Radlader auf Lkw verladen und abgefahren. In die Rahmede. „Das Material wird auf einer Fläche unterhalb der Claas-Kurve abgekippt”, so Frank Herbel. Gegen 21.45 Uhr, als es dämmert, beenden die Helferinnen und Helfer mit den großen blauen Autos die Arbeit. Übernachtet wird in der Altenaer THW-Unterkunft in der Brachtenbecke.

Fotos: Carsten Menzel und Björn Braun

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