Altena. Gut vorbereitet ins Amt gestartet – und trotzdem überrascht? Nach 99 Tagen als Bürgermeister von Altena zieht Guido Thal im Interview mit LOKALSTIMME eine erste Zwischenbilanz. Ein Gespräch über Erwartungen, Realität und die ersten Wochen an der Spitze der Stadt.
Herr Thal, Sie haben viel Verwaltungserfahrung und als Ratsmitglied sind Sie auch schon vor Ihrem Amtsantritt mit den Altenaer Themen sehr vertraut gewesen. Gab es in den ersten 99 Tagen im Bürgermeisteramt trotzdem etwas, das Sie überrascht oder vielleicht sogar irritiert hat?
Überrascht hat mich eigentlich nichts. Die Menge der Themen und vor allem die Priorisierung hätte ich so jedoch nicht erwartet. Dass gefühlt alles Priorität I hat, das ist schon herausfordernd. Denn jede Verwaltung funktioniert anders. Ich musste erst einmal alles kennenlernen.
Warum hat alles Priorität I?
Das ist unterschiedlich. Manche Themen kommen von außen und müssen sofort bearbeitet werden: Straßensanierungen, der Wiederaufbauplan, Dinge, die liegen geblieben sind, und Dinge, die weiterentwickelt werden müssen.
Wie sehen Sie Ihre Rolle? Sind Sie Gestalter, Moderator oder Krisenmanager?
Alles zusammen – genau das macht die Rolle des Bürgermeisters aus. In erster Linie bin ich Verwaltungschef. Das nehmen nur wenige wahr. Verwaltungsprozesse organisieren, Strukturen schaffen und sich mit der Frage beschäftigen, wie Verwaltung in Zukunft funktioniert. Hinzu kommen repräsentative Aufgaben wie Auftritte bei Veranstaltungen von Vereinen und Verbänden, bei Ehejubiläen oder Geburtstagen betagter Mitbürger. Manchmal ist man auch Streitschlichter oder einfach jemand mit einem offenen Ohr für die Sorgen der Menschen. Und natürlich gibt es auch Krisen, die zu bewältigen sind – zum Glück weniger als noch vor fünf Jahren.
Hätten Sie vor 99 Tagen dieselbe Antwort gegeben oder hat sich da etwas geändert?
Was das Amt des Bürgermeisters mit sich bringt, hatte ich stets im Blick. Deshalb hätte ich die Frage genauso beantwortet.
Im Heimatcheck, einer groß angelegten Umfrage im Vorfeld der Kommunalwahl, haben die Bürgerinnen und Bürger Sicherheit und Sauberkeit als erste Priorität für Altena genannt. Auch Sie haben das im Wahlkampf betont. Welche Fortschritte hat die Stadt gemacht?
Wir haben schon eine Menge besprochen und entwickelt. Wir sind uns da alle einig: Das ist etwas, was die Menschen spüren. Es sind oft die einfachen Maßnahmen, die zuerst greifen. Der Bauhof ist vermehrt mit der Kehrmaschine im Einsatz, wenn Schnee und Eis nicht dazwischen kommen. Das öffentliche Grün wird jetzt professionell gehegt und gepflegt – eine Meisterin für Garten- und Landschaftspflege verstärkt dafür das Team. Zum Thema Sicherheit gibt es regelmäßige Gespräche mit Polizei und Ordnungsamt. Das ist eine wirklich gute Zusammenarbeit, die wir genauso weiterführen wollen.
Was genau ist sicherer geworden? Auch der Weg durch die Innenstadt zu später Stunde?
Man kann nachts durch die Stadt gehen, nur das subjektive Empfinden ist manchmal ein anderes. Das hat viel mit öffentlicher Wahrnehmung zu tun. Mich ärgern oft negative Berichte, beispielsweise über den Markaner. Ja, es gibt dort manchmal ein Sauberkeitsproblem – verursacht durch Einzelpersonen. Ebenso sind es Einzelpersonen, die für vereinzelte Zusammenstöße sorgen. Die Wahrnehmung wird dann schnell zur einhelligen Meinung: Dort ist ein Brennpunkt. Objektiv betrachtet ist der Markaner aber kein Brennpunkt, sondern ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und an dem einzelne Vorfälle diesen Ruf entstehen lassen. Diese Einzelfälle sind bedauerlich, gehören aber leider auch zum Leben dazu.
Was ist mit den kaputten Straßen?
Es gibt eine lange Liste an Straßen, die aus unterschiedlichsten Gründen repariert werden müssen – kommunale Straßen, aber auch Landes- und Bundesstraßen. Das große Problem ist die Abstimmung, damit nicht überall gleichzeitig gebaut wird und man gar nicht mehr von A nach B kommt. Diese Abstimmung läuft derzeit, damit wir die Straßen nach und nach in einen vernünftigen Zustand bringen können. Dazu kommt, dass Baufirmen freie Kapazitäten haben müssen. Im Winter ist Straßenbau zudem witterungsbedingt schwierig. Manchmal hapert es auch nur an Markierungen, die bei Minustemperaturen nicht aufgebracht werden können. Zur kommenden Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses am 11. Februar wird hoffentlich ein Plan vorliegen, wann welche Straße saniert wird.

Guido Thal (Mi.), hier mit seinen beiden Stellvertretern Oliver Held und Sonja Reckschmidt, ist seit 99 Tagen der Bürgermeister der Stadt Altena. Foto: Dennis Echtermann
Die Stadt ist weiterhin im Nothaushalt. Wie sieht der Ausweg aus der Misere aus? Wieder mehr Gestaltungsspielraum zu bekommen, auch das war eines Ihrer Wahlkampfversprechen.
Wir sind dankbar für eine kurzfristige Entlastung des Haushalts durch 12 Millionen Euro aus dem Altschuldenentlastungsgesetz. Hinzu kommen bereits ausgezahlte Fördermittel aus dem Sondervermögen des Bundes in Höhe von 7,7 Millionen Euro sowie rund 130 Millionen Euro aus dem Wiederaufbauplan. Mit diesen Geldern können wir arbeiten. Was den unausgeglichenen Haushalt insgesamt angeht, haben wir gegenüber anderen Kommunen einen entscheidenden Vorteil: Wir kennen diese Situation seit mehr als 20 Jahren. Das macht es nicht besser, aber wir haben viele Diskussionen bereits hinter uns.
Was meinen Sie damit konkret?
Wir haben schon bis an die Grenze des Möglichen gespart. Sparen können wir in Altena. Wir diskutieren nicht mehr darüber, ob es noch ein bisschen mehr sein dürfte, sondern eher darüber, ob es noch weniger sein darf. Strukturelle Maßnahmen sind denkbar, aber die Spielräume sind gering. Vielmehr müssen wir über die Verwaltung der Zukunft sprechen: Was bedeutet Digitalisierung für uns? Wie steigen wir in eine Haushaltssicherung ein? Klar ist: Wir müssen ein Haushaltssicherungskonzept aufstellen, in dem wir darstellen, wie wir uns die kommenden zehn Jahre vorstellen und wie eine Entschuldung aussehen kann. Gleichzeitig wissen wir, dass wir auf manche Dinge keinen Einfluss haben – Stichwort Kreisumlage. Gibt die übergeordnete Ebene mehr Geld aus, als sie einnimmt, wird es für die Kommunen sehr schwierig.
Sie haben die Fördermittel für den Wiederaufbau erwähnt, doch viele Bürgerinnen und Bürgern haben das Gefühl, dass vieles länger dauert, als es notwendig wäre. Was konnten Sie in den ersten 99 Tagen tun, um zum Beispiel den Wiederaufbau des Frei- und Hallenbades zu beschleunigen?
Das ist Chefsache. Ich nehme an allen Terminen zu diesem Thema teil. Und es wurden in den vergangenen 99 Tagen bereits viele Gespräche geführt, sowohl mit der Bezirksregierung als auch mit dem Land. Ich habe Verständnis dafür, dass viele Menschen das Gefühl haben, dass alles sehr lange dauert. Gleichzeitig habe ich festgestellt, wie hochkomplex dieses Projekt ist. Das, was bei der Starkregenkatastrophe in Altena passiert ist und welche Maßnahmen zur Schadensbeseitigung notwendig sind, wird es so nicht oft in Deutschland geben. Die Topografie und die Überbauungen machen es uns besonders schwierig. Hinter den Wiederaufbaumaßnahmen steckt eine enorme Planungsleistung – die für die Bürgerinnen und Bürger allerdings kaum sichtbar ist. Jetzt sind wir aber an dem Punkt, an dem es in die Umsetzung geht.
Inwieweit hilft Ihnen die absolute CDU-Mehrheit im Rat? Oder besteht die Sorge, für mögliche Fehlentwicklungen direkt verantwortlich gemacht zu werden?
In erster Linie ist der Bürgermeister ohnehin für jegliche Fehlentwicklung verantwortlich – und das fühle ich auch so. Die Mehrheitsverhältnisse bestehen seit mehreren Jahren und zeigen, dass es in Altena einen hohen Konsens bei den zentralen Themen gibt. Für mich als Amtsinhaber ist es natürlich angenehm, von einer Mehrheit getragen zu werden. Mir ist es aber wichtig, alle Fraktionen mitzunehmen. Deshalb gibt es regelmäßig interfraktionelle Sitzungen, damit alle ihren Anteil daran haben, Ideen für die Stadt mitzutragen oder auch kritisch zu begleiten.
Wenn Sie die Verwaltung zukunftsfähig machen wollen: Können diese Maßnahmen auch dem Einwohnerschwund entgegenwirken?
Nein – schon allein wegen der Altersstruktur der Stadt. Wenn wir den Einwohnerschwund kompensieren und die Einwohnerzahl von rund 16.500 halten können, haben wir sehr viel erreicht. Altena ist eine Kleinstadt mit guten Verkehrsanbindungen und attraktivem Wohnen. Gleichzeitig gibt es viel Natur zum Wandern und Radfahren, ein tolles kulturelles Angebot, ein schönes Kino und mit dem Schützenfest eine Großveranstaltung mit Strahlkraft. Wir haben hier wirklich viele gute Dinge.
Wie gehen Sie damit um, jetzt stärker in der Öffentlichkeit zu stehen?
Das habe ich tatsächlich unterschätzt – nicht negativ, aber ich bin manchmal überrascht, wie sehr ich als Person wahrgenommen werde. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, werde ich erkannt und mit „Herr Bürgermeister“ angesprochen. Ich bin aber auch weiterhin gerne Herr Thal oder Guido. Durch das Amt bin ich kein anderer Mensch geworden. Ich bin sehr dankbar für dieses Amt. Es ist viel Arbeit, aber es macht mir große Freude.
Wenn wir dieses Interview in vier Jahren noch einmal führen: Woran würden Sie messen, ob Ihre Amtszeit erfolgreich war?
Daran, dass wir es geschafft haben, die Verwaltung in das digitale Zeitalter zu überführen. Unnötige Wege werden vermieden, Anträge können zentral gestellt werden, Prozesse werden beschleunigt. Und vor allem daran, dass sich die Stimmung in Altena verändert hat: Wir gehen mit breiter Brust nach vorne und sind stolz darauf, aus Altena zu sein – weil sich hier tatsächlich etwas bewegt.
Herr Thal, was können Sie als Bürgermeister dazu konkret beitragen?
Es vorleben.



